Landkreis Havelland
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Vorlage - MV-0067/12  

 
 
Betreff: Auswertung des Modellprojektes "Jugendarbeit im ländlichen Raum" in der Gemeinde Milower Land
Status:öffentlichVorlage-Art:Mitteilungsvorlage
  Aktenzeichen:51
Federführend:Dezernat II, Amt 51 - Jugendamt Beteiligt:Dezernat II
Bearbeiter/-in: Schmidt, Susanne   
Beratungsfolge:
Jugendhilfeausschuss Anhörung
22.08.2012 
Sitzung des Jugendhilfeausschusses ungeändert beschlossen   

Sachverhalt:

Sachverhalt:

 

Der Jugendhilfeausschuss wird über die Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben „Jugendarbeit im ländlichen Raum“ in der Gemeinde Milower Land informiert.

Auswertung des Modellvorhabens „Jugendarbeit im ländlichen Raum“ in der Gemeinde Milower Land mit Unterstützung des Landkreises Havelland

I. Begründung und Voraussetzungen des Modellvorhabens

Im Jahr 2008 gab es erste Überlegungen, wie Jugendarbeit im ländlichen Raum unter den Bedingungen des demografischen Wandels insbesondere im Westhavelland langfristig gestaltet werden kann. Es stellten sich Fragen wie:

Können auf Dauer für wenige Jugendliche auf dem Land Angebote der Jugendarbeit realisiert werden? Gibt es dafür realistische Bedarfe / ein Interesse der Jugendlichen selbst? Wie können die Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden? Welchen Einfluss haben Angebote für Kinder und Jugendliche insgesamt auf die Lebensqualität und Attraktivität im ländlichen Raum? Welche Mindestanforderungen sollten Angebote erfüllen?

Geeignet für ein Modellvorhaben war unter anderem die Gemeinde Milower Land. Dort leben heute auf 160 km² Fläche in 10 Ortschaften 4.400 Einwohner, davon 750 junge Menschen zwischen 6 und 27 Jahren. Bis zum Jahr 2016 soll die Anzahl der jungen Menschen laut Prognose des Landesamtes für Statistik beständig weiter bis auf 422 sinken, bevor sie sich bei rund 450 stabilisiert. Das entspricht 2,8 jungen Menschen je Quadratkilometer.

Die Gemeindevertretung Milower Land bekannte sich zur Durchführung eines Modellvorhabens. Im August 2008 wurde eine Steuerungsgruppe eingerichtet. Gemeinsam mit dem in der Jugendhilfe erfahrenen Träger Outlaw und dem Beratungsträger KORUS wurde eine tragfähige Konzeption für die Jugendarbeit im Milower Land erarbeitet. Eine PKR-Stelle für Jugendkoordination wurde eingerichtet. Der Landkreis begleitete den Prozess von Anfang an und schloss mit der Gemeinde einen öffentlich-rechtlichen Vertrag. Im Vertragszeitraum 10.12.2009 bis 10.06.2011 sollten die konzeptionellen Schwerpunkte realisiert werden. Der Landkreis stellte dafür eine finanzielle Unterstützung von 10.000 € zur Verfügung.

 

II. Ziele

Das Hauptziel bestand darin, nachhaltig klare Organisationsstrukturen für bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Angebote für Kinder und Jugendliche und ein stabiles Netzwerk der Kinder- und Jugendarbeit bei effektiver Nutzung vorhandener Ressourcen zu schaffen.

Damit verbunden waren folgende Handlungs- und Strukturziele, die bis Juni 2011 erreicht sein sollten:

1. Ein tragfähiges Filialsystem der offenen Jugendarbeit hat sich etabliert.

·         Zwei zentrale Jugendclubs mit Fachlichkeit und guter Ausstattung werden vorgehalten (Milow und Großwudicke).

·         Zusätzlich gibt es kleinere Filialen/Jugendräume, in denen temporäre Angebote nach Bedarf unterbreitet werden.

·         Die Jugendlichen wurden in die Gestaltung ihrer Räume mittels eines Graffitiprojektes einbezogen.

·         Um bürokratische Hemmnisse für Eigeninitiativen abzubauen, übernimmt die Gemeinde GEMA-Gebühren für Aktionen der Jugendarbeit.

 

2. Das Netzwerk der Jugendarbeit ist stabil und funktionsfähig.

·         Im Milower Land arbeitet mindestens eine sozialpädagogische Fachkraft, die für Koordination und Qualitätssicherung verantwortlich ist.

·         Mehrere Hilfskräfte und ehrenamtlich Tätige konnten gewonnen werden, die in der Jugendarbeit aktiv sind. Ehrenamtliches Engagement erfährt Anerkennung.

·         Durch Qualifizierungsmaßnahmen wurde die Qualität der Jugendarbeit gefördert: Juleica, Kompetenztraining, Streitschlichterseminare.

·         Ein lebendiges Netzwerk der Akteure mit Eltern, Vereinen, Jugendparlament, Grundschulen u.a. Kooperationspartnern ist entstanden.

 

3. Jugendarbeit zeichnet sich durch Flexibilität und Mobilität aus.

·         Ein Fahrzeug ist im Einsatz, mit dem Akteure der Jugendarbeit, Materialien, Kinder und Jugendliche befördert werden können. So wird die Erreichbarkeit der Jugendangebote in allen Ortsteilen gewährleistet.

·         Materialkoffer (neue Medien, Zirkus und Musik) wurden angeschafft und werden regelmäßig im Gemeindegebiet ausgeliehen.

 

4. Kinder und Jugendliche in allen Ortsteilen kennen die Angebote im Sozialraum und können mitwirken.

·         Eine Webseite für die Kinder- und Jugendarbeit im Milower Land wurde eingerichtet und wird gepflegt.

·         Kinder und Jugendliche werden stets in für sie relevante Entscheidungsprozesse einbezogen und ernst genommen.

·         Die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit werden durch intensive Öffentlichkeitsarbeit bekannt gemacht.

 

III. Finanzierung

Zur Umsetzung des Modellvorhabens standen zur Verfügung:

·         Beratungsmittel (Land Brandenburg u. Landkreis) zur konzeptionellen Vorbereitung

·         zweckgebundene Zuwendung des Landkreises Havelland in Höhe von 10.000 € für die Umsetzung der Maßnahmen

·         Personalkosten: PKR-Stelle für Jugendkoordination u. aus dem 100-Stellen-Programm für Unterstützungskräfte in Milow und Großwudicke (Land, Landkreis und Kommune)

·         kommunale Mittel der Gemeinde Milower Land für Investitionen, Personal- und Sachaufwand (gemäß öffentlich-rechtlichem Vertrag mindestens 4.189 €)

·         Fördermittel gem. Jugendförderrichtlinie des Landkreises Havelland für konkrete Angebote und Projekte

·         Drittmittel, Spenden und sonstige Fördermittel

 

IV. Ergebnisse

Zu 1. Ein tragfähiges Filialsystem der offenen Jugendarbeit hat sich etabliert.

·         In Milow und Großwudicke sind zwei Jugendfreizeitzentren mit modernen Ausstattungen, festen Öffnungszeiten und Betreuerpersonal entstanden. Die Gemeinde Milower Land hat dafür umfänglich investiert. Unter einem Dach mit Schule, Kita, Bibliothek, Multimediazentrum und Sporthalle werden die Zusammenarbeit mit der Schule und generationsübergreifende Angebote gefördert.

·         In Bützer (Träger: Gemeinde), Vieritz (Träger: Elterninitiative) und Jerchel (Träger: Brücke e. V.) gibt es kleine Filialen mit bedarfsgerechten Angeboten und einem fachlichen Austausch mit Milow und Großwudicke.

·         Der Jugendkoordinator (Träger: Outlaw gGmbH) fördert den fachlichen Austausch zwischen den Standorten und anderen Netzwerkpartnern, z. B. Vereinen, Jugendherberge Milow usw.

·         Im Gemeindegebiet werden vielfältige Aktivitäten und Projekte durchgeführt. Die Übernahme von GEMA-Gebühren wurde realisiert.

·         Sport- und Spielplätze wurden zum Teil attraktiver gestaltet.

·         Insbesondere die Zielgruppe der 8 – 14 jährigen jungen Menschen wird mit den Jugendklubangeboten gut erreicht.

·         Ältere Jugendliche nehmen punktuelle Angebote, musikalische und sportliche Events sehr gut an.

·         Das Graffitiprojekt bedurfte größerer Kraftanstrengungen, wurde aber realisiert. Mehrere Flächen, insbesondere in und an Jugendklubs, wurden gestaltet.

Bemerkt werden muss, dass

·         die Gemeinde wesentlich mehr Geld investiert hat, als ursprünglich vorgesehen.

·         die Investition im Jugendklub Bützer in keinem Verhältnis zur heutigen Nutzung (1x pro Woche) steht.

·         in Nitzahn das temporäre Angebot nicht stabilisiert werden konnte.

 

Zu 2. Das Netzwerk der Jugendarbeit ist stabil und funktionsfähig.

·         Die geplanten Aus- und Fortbildungsmaßnahmen wurden realisiert.

·         Trotz Schwierigkeiten konnte Betreuung der Angebote personell und mit guter Qualität abgesichert werden.

·         Das Engagement der Elternschaft ist gewachsen.

·         Die Vereine haben durch die gute Vernetzung viele junge Mitglieder gewonnen.

Bemerkt werden muss, dass

·         sich die Gewinnung von ehrenamtlichen Helfern schwierig gestaltete.

·         zu wenige Kooperationspartner und Ehrenamtler in den Ortsteilen akquiriert werden konnten, die dort zusätzliche Angebote unterbreiten.

·         der organisatorische und bürokratische Aufwand nicht unerheblich Ressourcen gebunden hat.

 

Zu 3. Jugendarbeit zeichnet sich durch Flexibilität und Mobilität aus.

·         Die Materialkoffer wurden angeschafft (Neue Medien, Musikinstrumente und Zirkusmaterialien) und die Grundlagen für Ausleihe geschaffen.

·         Die Materialien sind in verschiedenen Ortsteilen zu verschiedenen Anlässen zum Einsatz gekommen. Das Angebot wurde durch Flyer bekannt gemacht.

·         Die Mobilität wurde durch den Einsatz eines Fahrzeuges des Trägers Outlaw weitgehend gefördert werden. Im Übrigen wurde die Mobilität durch die Angebote des ÖPNV und engagierte Eltern sichergestellt.

Bemerkt werden muss, dass

·         eine flächendeckende Mobilität zwischen den Ortsteilen nicht erreicht wurde.

·         kein Fahrzeug für den bedarfsgerechten Transport von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung gestellt wurde.

 

Zu 4. Kinder und Jugendliche in allen Ortsteilen kennen die Angebote im Sozialraum und können mitwirken.

·         Seit Februar 2011 ist die Web-Seite www.milow-wasgeht.de online und wurde bereits über 14.000-mal aufgerufen.

·         Das Jugendparlament im Milower Land existiert noch, wirkt mit und wird ernst genommen. Durch Änderung der Hauptsatzung hat die Gemeinde Milower Land die Mitwirkung des Jugendparlamentes in den beratenden Ausschüssen ermöglicht.

·         Die Meinung von Kindern und Jugendlichen wurde durch mehrere Befragungen stets einbezogen.

·         Insbesondere Veranstaltungen und Sportevents wurden von den Jugendlichen eigenverantwortlich mit organisiert.

Bemerkt werden muss, dass

·         tagesaktuelle Hinweise und Informationen auf der Web-Seite kaum vorhanden sind.

·         nicht alle Kinder und Jugendlichen die Angebote und die Web-Seite kennen.

·         die Web-Seite vom Jugendkoordinator gepflegt wird.

·         manche Ideen am mangelnden Interesse der Jugendlichen selbst scheiterten.

 

V. Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben

1.     Die Entwicklung kinder- und jugendfreundlicher Bedingungen im ländlichen Raum ist ein umfängliches Vorhaben. Es muss politisch gewollt, von der Gemeinde unterstützt und von einer aktiven Steuerungsgruppe begleitet werden.

2.     Der Einsatz einer sozialpädagogischen Fachkraft als Jugendkoordinator hat sich bewährt. Der Jugendkoordinator unterbreitet selbst sozialpädagogische Angebote, organisiert Projekte und Events, berät, motiviert und begleitet Jugendliche, Eltern und Akteure der Jugendarbeit. Er treibt die Vernetzung im Sozialraum voran, wirbt neue Helfer und leitet sie fachlich an, vermittelt zwischen verschiedenen Interessengruppen, evaluiert, schreibt die Konzeption fort und steuert nach, kümmert sich um die Beantragung und Abrechnung von Fördermitteln.

3.     Es ist sinnvoll, die Anzahl der Jugendclubs zu beschränken. Nicht in jedem Ortsteil kann Jugendarbeit realisiert werden. Die vorhandenen Standorte müssen sich durch Verlässlichkeit, gute Ausstattung – auch personell - und interessante bedarfsgerechte Angebote auszeichnen.

4.     Mobilität ist eine Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung der Jugendarbeit im ländlichen Raum. Wenn das Problem nicht gelöst wird, bleiben Kinder und Jugendliche abgekoppelt. Lösungsmöglichkeiten über ÖPNV, Eltern-Engagement, Rufbussystem oder Nutzung von Vereinsfahrzeugen müssen verfolgt werden.

5.     An vorhandene Ressourcen muss zwingend angeknüpft werden. Im ländlichen Bereich wird die Jugendarbeit weitgehend von Feuerwehr und Sportvereinen getragen. Die enge Kooperation mit ihnen und anderen Akteuren vor Ort ist unabdingbar. Einzelne Ehrenamtler zur verlässlichen Mitwirkung zu mobilisieren, ist sehr schwer. Die Vereins- und Jugendverbandsarbeit bietet eine verlässliche strukturelle Basis, die stärker genutzt werden sollte.

6.     Das Vorhaben steht und fällt mit dem Interesse der Jugendlichen und ihrer Mitwirkung. Im Milower Land konnten die 8 bis 14 jährigen begeistert werden; insbesondere die jungen Erwachsenen wurden mit Klubangeboten kaum erreicht. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Interessenlagen, Gruppenzugehörigkeiten und zunehmender Mobilität verbringen sie die Freizeit auch außerhalb des Gemeindegebietes oder zu Hause.

7.     Gut organisierte Höhepunkte stoßen auf großes Interesse aller Zielgruppen. Mit der Vorbereitung und Durchführung von sportlichen und musikalischen Events, generationsübergreifenden Projekten und Festen wurden gute Erfahrungen gemacht. Jung und Alt haben sich dabei eingebracht. Im Jahresverlauf fest verankerte Höhepunkte fördern das Miteinander der dörflichen Gemeinschaft und die Heimatverbundenheit.

8.     Im Prozess sind immer wieder Analyse, konzeptionelle Arbeit, Nachsteuerung und Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Da sich die Bedingungen und die Mitwirkenden ständig verändern, ist der Prozess nie beendet. Es gilt aufzupassen, um nicht Entwicklungen am Bedarf vorbei auf den Weg zu bringen.

9.     Um Kinder und Jugendliche zu erreichen, müssen zeitgemäße Medien genutzt werden. Facebook, Twitter usw. werden stärker frequentiert als eine Web-Seite.

10. Wertvoll ist es, freie Träger der Jugendhilfe für eine breite Angebotsvielfalt zu gewinnen. In der Gemeinde Milower Land hat das Diakonische Werk Havelland e.V. nun den Jugendklub Großwudicke übernommen. Durch Trägervielfalt wird Qualitätsentwicklung vorangetrieben.

11. Jugendarbeit, die einen Beitrag zur Lebensqualität junger Menschen, zur Entwicklung von sozialen Kompetenzen, zum Jugendschutz, zur Verbesserung der Teilhabe Benachteiligter und zur Stärkung der Partizipation leistet, ist nicht zum Nulltarif möglich. Für attraktive Angebote im ländlichen Raum müssen Personal- und Sachkosten von den Gemeinden bereit gestellt werden.

 

VI. Fazit

Das Modellvorhaben „Jugendarbeit im ländlichen Raum“ kann insgesamt als Erfolg gewertet werden. In der Gemeinde Milower Land sind Strukturen entstanden, die es nun gilt, nachhaltig zu erhalten bzw. weiter zu entwickeln.

Auch aus den kritischen Punkten können Schlussfolgerungen für die Jugendhilfeplanung gezogen werden.

Der Landkreis Havelland empfiehlt anderen ländlichen Gemeinden, das Vorhaben Jugendarbeit ebenfalls strukturiert anzugehen und dabei die Hinweise aus unserem Modellvorhaben zu berücksichtigen.

 

 

Finanzielle Auswirkungen:

Finanzielle Auswirkungen:

 

Kosten

Sachkonto/Kostenstelle/Kostenträger

 

 

Erläuterung/Deckungsvorschlag

 

 

Anlagen:

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